2 Nach fast einem Jahrhundert Globalisierung sind wir alle voneinander abhängig. Das gilt besonders für die digitale Wirtschaft, die weitgehend von amerikanischen Prozessoren wie Intel oder AMD abhängt, die in Taiwan und anderen asiatischen Ländern produziert werden (etwa von TSMC). Doch auch bei fortbestehender gegenseitiger Abhängigkeit bleibt digitale Souveränität ein zentrales Thema. Es geht um relative Unabhängigkeit – genug Unabhängigkeit, damit jedes Land einzeln oder die Europäische Union als Ganzes eine eigene Politik verfolgen kann, die ihre eigenen Werte widerspiegelt. Digitale Souveränität ist für Unternehmen in ganz Europa und den USA von großer Bedeutung. Eine aktuelle Umfrage, die wir mit Vanson Bourne durchgeführt haben (auf Englisch), ergab, dass 98 % der IT-Entscheider in Frankreich, Deutschland, Großbritannien und den USA bereits Souveränitätsrichtlinien haben, um ihre Daten an bestimmten Orten zu halten – oder deren Einführung planen. Gemeinsam für die Zukunft FrenchTechBerlin (auf Englisch), eine Organisation, die Akteure des französischen und deutschen Tech-Ökosystems zusammenbringt, veranstaltete kürzlich ein Event zum Thema digitale Souveränität – und speziell zu der Frage, wie sich das Wachstum europäischer Cloud-Anbieter unterstützen lässt. Ich hatte die Ehre, auf dieser Veranstaltung zu sprechen – dank François Delattre, dem französischen Botschafter in Deutschland, und Philippe Huberdeau, Generalsekretär der Initiative Scale-Up Europe. Die Scale-Up Europe Initiative wurde 2021 ins Leben gerufen und bringt Gründer von Start-ups und Scale-ups, Investoren, Forschende und Unternehmen mit einem gemeinsamen Ziel zusammen: Bis 2030 sollen auf dem Kontinent 10 Tech-Giganten mit einem Wert von jeweils mehr als 120 Mrd. $ entstehen. Diese Veranstaltung war eine Gelegenheit, tief in ein Thema einzutauchen, das mir sehr am Herzen liegt. Hier einige meiner Gedanken im Anschluss an das Event. Eine Ära rasanter digitaler Transformation Geschäftsprozesse werden in allen Bereichen von Wirtschaft und Verwaltung durch die 4. industrielle Revolution verändert. Deshalb ist die Effizienz digitaler Infrastrukturen für Unternehmen und Staaten entscheidend, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Um weiterhin eigene Regeln wie die DSGVO wählen und festlegen zu können, braucht die EU starke Technologieführer – und effizientere digitale Prozesse für Unternehmen aller Branchen. Dabei geht es nicht nur um Politik. Auch der Wert der Arbeitsplätze von morgen steht auf dem Spiel. Am wertvollsten sind Jobs, die sich nicht vollständig automatisieren lassen – Positionen, die Fürsorge, Kreativität und Flexibilität in realen Situationen erfordern. Wird die globale digitale Wirtschaft jedoch ausschließlich von nicht-europäischen Unternehmen dominiert, droht das negative Folgen für europäische Tech-Jobs zu haben. Europäische Cloud-Anbieter haben Marktanteile verloren – laut der Synergy Research Group (auf Englisch) ein Rückgang von 27 % im Jahr 2017 auf 13 % im Jahr 2022. Fast drei Viertel (72 %) des gesamten Cloud-Markts in Europa entfallen auf die US-Anbieter AWS, Microsoft und Google. Diese Giganten sind nicht nur Marktführer, sondern auch technologisch führend. Zudem hinken EU-Unternehmen wegen Bedenken hinsichtlich Sicherheit und Datensouveränität bei der Einführung von Cloud-Technologien ihren amerikanischen Pendants hinterher. Das benachteiligt sie bei der digitalen Effektivität. Es wäre töricht, EU-Unternehmen und -Behörden die Nutzung führender Public-Cloud-Lösungen zu verbieten. Das würde die Wettbewerbsfähigkeit verringern, da europäische Unternehmen die besten technischen Lösungen nicht nutzen könnten. Ebenso töricht wäre es, nichts zu tun – denn das würde zu einem erheblichen Verlust an Unabhängigkeit führen. 4 Wege, Wachstum und Entwicklung europäischer Cloud-Champions zu fördern Die EU muss die Entstehung starker europäischer Anbieter von Cloud-Infrastruktur fördern und zugleich die Einführung von Cloud-Technologien in EU-Unternehmen vorantreiben. Dafür könnte die EU vier praktische Maßnahmen umsetzen: Die Einführung von Private Clouds fördern: Wenn Unternehmen Private Clouds bereitstellen, profitieren sie von denselben Effizienzvorteilen wie bei der Public Cloud – und bauen eigene Expertise in Cloud-Technologie auf. Bei der Public Cloud lagern sie dieses Know-how dagegen im Wesentlichen an den Cloud-Anbieter aus. Zudem wechseln viele mittelständische europäische Unternehmen wegen Sicherheitsbedenken nicht in die Public Cloud; der Umstieg auf eine Private-Cloud-Infrastruktur ist weniger abschreckend. Interoperabilitätsstandards zwischen Clouds schaffen: Führende Unternehmen der Computerbranche haben schon immer versucht, Kunden durch fehlende Interoperabilität zu binden. Diese Strategie verfolgen auch führende Public-Cloud-Anbieter. Die EU profitiert von einer Welt, in der Unternehmen wirklich eine hybride Multi-Cloud-Strategie umsetzen und für jeden Anwendungsfall die passende Cloud-Infrastruktur wählen können. Es ist entscheidend, dass die EU die Schaffung von Interoperabilitätsstandards fördert, um echten Wettbewerb zu ermöglichen. Einen Buy European Act (auf Englisch) einführen: IT ist eine innovationsgetriebene Branche – das macht es für mittelständische Unternehmen schwieriger, sich nachhaltig zu behaupten. Sie verfügen nicht über dieselben F&E-Budgets wie größere Organisationen. Wenn europäische Champions entstehen sollen, müssen wir Anreize für EU-Käufer schaffen, wo möglich europäische Unternehmen gegenüber nicht-europäischen Anbietern zu bevorzugen. Das hat eine weitaus größere Wirkung als Zuschüsse oder Fördermittel. Es hilft europäischen Unternehmen, eine kritische Masse zu erreichen, in F&E zu investieren und technologische Rückstände gegenüber ihren Wettbewerbern aufzuholen.Die Finanzierung international anerkannter Scale-ups für Cloud-Infrastruktur in der EU fortsetzen: In der EU gibt es relativ wenige Scale-ups im Bereich Cloud-Infrastruktur. Trotz deutlich verbesserter Scale-up-Finanzierung in den vergangenen 10 Jahren sind sie im Vergleich zu ihren amerikanischen Pendants nach wie vor erheblich unterfinanziert Der Weg nach vorn Trotz allen Hypes stehen wir noch am Anfang der Cloud-Transformation. Technisch steht außer Frage, dass softwaredefinierte verteilte Infrastruktur – genutzt über APIs und mit hochgradig automatisiertem Betrieb – weitaus effizienter ist als frühere Generationen von IT-Infrastruktur. Und der Markt für Public-Cloud-Services wächst weiter. Laut Gartner (auf Englisch) werden die weltweiten Ausgaben der Endnutzer 2023 auf 591,8 Mrd. $ steigen – ein Plus von 20,7 % gegenüber 2022. Um in diesem schnell wachsenden Markt wettbewerbsfähig zu bleiben, auch wenn neue Technologien alles aufmischen, müssen Unternehmen aus der EU eine führende Rolle in der globalen digitalen Wirtschaft spielen.Mehr zu meinen Gedanken zu diesem Thema lesen Sie in diesem Beitrag für Silicon (auf Englisch)France und in diesem für TechZine (auf Englisch).